Schönheit ensteht im Kontrast

von Massoud Godemann

Ich habe die Vision, den inneren Drang, Musik zu schreiben, die Leben, Liebe, Wut  die Verzweiflung, genau an der Schnittstelle zwischen Tonal und Atonal zur Entfaltung bringt. Es geht mir um die Generierung von Schönheit, um die anmutige und verwirrende Schönheit. Einerseits in Kompositionen gefasst und andererseits in Improvisationen gelebt/ erlebt/ belebt, sind es zwei völlig unterschiedliche Ansätze sich ihr zu nähern. Einerseits wohl gewogen und bedacht, andererseits spontan und Impulsiv, es gilt sich einer Balance zu nähern.......

Sie stellt sich aber nur ein, zeigt uns ihre Grazie, wenn "Hübsches und Hässliches", Yin und Yang, hell und dunkel, Hand in Hand gehen und sich gemeinsam anschicken gegebene Zeit zu gestalten. Hübsch ist nicht schön, so wie beredt nicht klug oder alt nicht weise ist. Für die Kunst braucht es die "volle Erscheinungsform" und nicht nur die ökonomisierte und somit formatierte Variante des Seins.

In der Generierung von Schönheit offenbart sich uns eine empfindliche Gratwanderung, ein virtuoser Drahtseilakt, ein behutsames Ausbalancieren gegebener Mittel und Verfahrensweisen.

Die Feder des Komponisten zeichnet den Rahmen, die Phantasie des Improvisierenden versucht ihn mit gestalterischer Idee weiter auszufüllen. Ist der "Anzähler" erst aufgenommen, gilt es im Verlauf der Improvisation Reizpunkte zu setzen, mit Zeit, Form und Farbe zu spielen und mit etwas Glück taucht sie auf, lukt um die Ecke und lächelt uns an: die Schönheit.

Check: https://www.youtube.com/watch?v=sNPuL4il_VE

Aber: Sie ist flüchtig, biedert sich nicht an und will, bevor sie sich uns zuwendet, wohl angesprochen sein. D.h. Sie ist eine wirklich fordernde wie auch sensible Erscheinung.......

Ist die "Einladung" jedoch gelungen, spricht sie uns an, wendet sich unserem Innersten zu und "kommuniziert" mit dem Kind in uns, der Wesenheit, die noch vor den Wundern der Schöpfung inne hält und staunen kann. Oder wie Muriel Barbery es so treffend ausdrückte: 

                                >>Die Betrachtung der Ewigkeit in der Bewegung des Lebens.<<

Beispiele                                                                                                                                                                                                                                                                             Die Komposition Entelecheia ist, aus meiner Sicht, ein gutes Beispiel für die angestrebte "Balance", für das zehren und stauchen der Nervenbahnen, an der Schnittstelle zwischen tonal und atonal. Für geneigte Ohren zu Hören auf der CD "Open Letter" vom MG3.

  Ente1

 

 

Reizvoll sind für mich die Verwendung von "Chords" aus der Großfamilie der "Non Diatonic Modes". Besonders interessant ist es, zu versuchen, mit den teilweise "wirren" Sounds Kadenzen zu kreieren und/oder Melodien mit "Biss" und uniquer Kontur zu entwerfen. Das erfassen der "Order of Sounds" von ganz dunkel (häßlich) bis strahlend hell (schön), also Superlocrian - Lydian Augmented, läßt einen z.B. wunderbare II V I "Mimikry" Kadenzen kreieren, sodass man sich in "Klischee Dosierung" üben kann. Es geht also einerseits darum, mit welchen Sounds sich die archaische Ansage/ Spannung/ Entspannungs - Matrix nachzeichnen lässt, andererseits, geht es aber auch um die Wahl des Ausgangsmaterials, das in sich schon das "Dunkle", das "Verwirrende" und/ oder das überaus "Abschreckende", trägt. 

Schon am Beispiel der "diatonischen Modes" läßt sich die "Aufhellung" von unten nach oben erlebbar nachvollziehen: 

Lydisch

Ionisch

Mixolydisch

Dorisch

Aeolisch

Phrygisch

Lokrisch

Unter Einbeziehung der "Non Diatonic Modes", also der Verwendung von Sounds wie etwa "Melodisch Moll, "Harmonisch Moll und "HTGT", wird die Liste um einiges länger und ebenso die Möglichkeiten der Gestaltung von Sound - (See you...:-)). Hierzu eine "Chordsolo - Idee" über die ersten 4 Takte der Changes des "B Teils" von Entelecheia:

 

 Ente Ex

 

Es erscheint mir: Hell, sehr dunkel, sehr hell, hell.

 

Die Komposition Antidot z.B. bedient sich im modalen A - Teil der "Ganzton Skala" (Non Diatonic), denn jene erschien mir seiner Zeit als Antwort auf die "DSDS" Entwürdigung als sehr passend. Gerade aus diesem sperrigen Material heraus Melodien zu entwerfen, schafft Unverkennbares. Durchaus singbar, auf seine Weise melodiös, aber dennoch bizarr, ist es, aus meiner Sicht, genau das Material mit dem sich die gegebene Maßlosigkeit, der sich uns aufdrängenden Medienwelt, beschreiben läßt. Im "B Teil" Changes im Sound eines II V I Mimikry um die Geschichte weiter zu tragen.......

Melodische Ideen zur Ganzton Skala:

 

Hier nun der "Chart" zu Antidot:

MG3 SOUNDS:

Hope: https://youtu.be/-BkOCb2F1cI

Catharsis: https://youtu.be/4LduaiVOnik

Kebop: https://www.youtube.com/watch?v=Hh2dQ-gatzc

 

Reza Massoud Godemann

Seit 43 Jahren steht er mit Bands unterschiedlichster Musikrichtungen auf der Bühne und ist aus eigener Erfahrung mit Hardrock, Blues, Pop, Latin und Jazz vertraut. Er studiert seit über 40 Jahren Jazzgitarre am "lebenden Subjekt" und ist immer auf der Suche nach Klang, Melodie und tiefer Empfindung - Die Presse bezeichnet ihn daher gerne als „Poet unter den Jazzgitarristen, als „natürlichen Instinktspieler“ oder aber als „Meister des Ausdruckes“.

Weil Musik aber auch ein stetes Entdecken ist, organisierte er bereits mit 15 Jahren sein erstes Gitarrenseminar und hat neben zahlreichen Gruppen, Bands und Ensembles bis heute etwa 300 Privatschüler erfolgreich betreut. Um Jazz-Studenten einen lebendigen Ansatz zu bieten, der zugleich motiviert und fundierte Kenntnisse vermittelt, entwickelte er seine eigene erweiterte Jazzdidaktik der "Grammatik des Jazz’", oder wie er es nennt:

Wege in die Sprache des Jazz, einer modernen Jazzdidaktik Reihe mit Videos, Texten, Vorlesungen und Workshops.

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 „…Es scheint eine unlösbare Aufgabe zu sein, sich gegenüber den Giganten vergangener Tage wie Wes Montgomery oder Joe Pass zu behaupten. Und dann kommt ein Hamburger Gitarrist und spielt ganz locker und unaufgeregt gegen diese schier übermächtige Phalanx von Jazz – Ikonen an. Und es gelingt ihm tatsächlich, den Hörer gar nicht an diese Musiker zu erinnern, weil Massoud Godemann in den letzten 15 Jahren eine ganz klare, wiedererkennbare GITARRENSPRACHE entwickelt hat…“

(Peter Autschbach – Akustikgitarre 06.16)

 „…Nicht ganz schräg aber nie gefällig, nicht Avantgarde aber auch nicht Mainstream, oft straight ahead swingend, pulsierend, aber dann eben auch oft nicht und/oder anders als die anderen. Konventionell sind hier eigentlich nur der warme Gitarrenton und der singende Kontrabass. Die Eigenkompositionen sind vielschichtig und alles andere als berechenbar. Hier zeigt sich eine klassisch basierte Modernität…“ 

(Lothar Trampert – Gitarre & Bass 06.16)

Reflexionen  dieser Art hört und liest man oft, wenn es um Massoud Gode­mann geht. Bereits auf fünf Alben hat er seine Vision eines europäisch geprägten Jazz festgehalten. „Colors in Jazz“, „Togetherness“, „Fat Jazz“, „Open Letter“ und „Hope“. letzteres vom Jazzpodium zur „Jazzplatte des Monats“ gekürt und allerortens hochgelobt, zeigen einen Künstler, der stets das Neue sucht und das gerade Erreichte nur als Ausgangspunkt für den nächsten Schritt betrachtet. Dementsprechend lässt er keinen Weg unbeschritten, der ihn weiterbringen könnte, begleitet die Dichtungen Garcia Lorcas mit der Gitarre, widmet sich der Schauspielerei, der Tanzperformance (https://youtu.be/2DZiNMjdTXQ), hält Vorträge über die Gemeinsamkeiten von Architektur und Musik, dozierte bei den Bayreuther Dialogen2016 über künstlerische Freiheit und liebt es genreübergreifend zu wirken.


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